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Schmerzikon

Willkommen im "Schmerzikon" – deinem praktischen Nachschlagewerk für wichtige Begriffe rund um das Thema Schmerz. Ob für die Ausbildung, das Examen oder die Pflegepraxis: Hier findest du kompakte Definitionen, klare Pflegebezüge und – wenn möglich – Hinweise auf die wissenschaftliche Evidenz. Von Allodynie bis Zosterneuralgie.

Das Schmerzikon

Jeder Eintrag enthält:

  • Begriff & Definition – Klar und knapp erklärt.

  • Pflegepraxis-Bezug – Was heißt das konkret am Bett?

  • Evidenzhinweis – Fundierte Quellen, soweit verfügbar.

Hinweise
  • Dieses Schmerzikon wird stetig erweitert.

  • Vorschläge und Rückmeldungen aus der Community sind willkommen!

Bleib neugierig – Schmerz verstehen heißt, Patient:innen besser begleiten zu können.

A

Allodynie

Definition: Schmerz durch eigentlich nicht-schmerzhafte Reize (z. B. Berührung, Kälte).
Pflegepraxis: Wenn Patient:innen bei der Körperpflege Schmerzen äußern, obwohl du sanft arbeitest – könnte eine Allodynie sein. Nicht als "Empfindlichkeit" abtun!
Evidenz: Typisch bei neuropathischen Schmerzen, z. B. Polyneuropathie, Herpes zoster (Baron et al., 2010, Lancet Neurology).

Analgetika

Definition: Schmerzmittel – unterteilt in Nicht-Opioid-Analgetika und Opioide.
Pflegepraxis: Wirkung, Nebenwirkungen und zeitliche Anwendung kennen – und dokumentieren.
Evidenz: WHO-Stufenschema (WHO, 2020).

Akutschmerz

Definition: Schmerz, der plötzlich auftritt und meist klarer Ursache folgt.
Pflegepraxis: Früh erkennen, effektiv behandeln – Chronifizierung vermeiden.
Evidenz: Expertenstandard Schmerzmanagement (DNQP, 2020).

B

Breakthrough Pain (Durchbruchschmerz)

Definition: Kurzzeitiger Schmerz, der trotz sonst stabiler Schmerztherapie plötzlich auftritt.
Pflegepraxis: Typisch bei Tumorpatient:innen. Bedarfstherapie rechtzeitig anbieten!
Evidenz: Häufig bei onkologischer Schmerztherapie (Davies et al., 2009, Pain).

Bio-psycho-sozio-kulturell-spirituelles Schmerzmodell

Definition: Schmerz wird nicht nur körperlich, sondern auch psychisch, kulturell, spirituell und sozial beeinflusst.
Pflegepraxis: Ganzheitliches Verständnis – Pflegeinterventionen sollten alle Ebenen berücksichtigen.
Evidenz: Standardmodell moderner Schmerzmedizin (Gatchel et al., 2007).

Bolusgabe

Definition: Einzelne, meist schnell applizierte Dosis eines Medikaments.
Pflegepraxis: Bei PCA oder Bedarfsgaben üblich – auf Wirkung und Nebenwirkungen achten.
Evidenz: Bestandteil vieler Schmerzregime (Rawal, 2001).

C

Chronischer Schmerz

Definition: Schmerz, der länger als 3 Monate (bzw. über die zu erwartende Heilungsdauer hinaus) besteht – unabhängig von ursprünglicher Ursache.
Pflegepraxis: Regelmäßige Schmerzdokumentation ist essenziell.
Evidenz: Bio-psycho-soziales Modell ist Standard (Treede et al., 2019).

Capsaicin

Definition: Wirkstoff aus Chili – wirkt lokal schmerzlindernd durch „Verwirrung“ der Schmerzrezeptoren.
Pflegepraxis: In Pflasterform bei neuropathischen Schmerzen – Anwendung unter Aufsicht.
Evidenz: Nachgewiesene Wirkung bei Zosterneuralgie (Backonja et al., 2008).

COX-Hemmer

Definition: Nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR), die Entzündungsbotenstoffe hemmen.
Pflegepraxis: Beobachte gastrointestinale Nebenwirkungen – z. B. bei Ibuprofen oder Diclofenac. Auch als selektive Cox-2 Hemmer (Coxibe) verfügbar.
Evidenz: Standard bei nozizeptivem Schmerz (Moore et al., 2015).

D

Desensibilisierung

Definition: Verminderung der Schmerzempfindlichkeit durch gezielte Reize.
Pflegepraxis: Kann durch Pflege unterstützt werden (z. B. Einreibungen, Lagerung).
Evidenz: Teil multimodaler Therapie (Flor, 2002).

Dysästhesie

Definition: Unangenehme, oft brennende Empfindung ohne tatsächlichen Reiz.
Pflegepraxis: Patient:innen glauben oft, es „brennt“, obwohl nichts sichtbar ist – ernst nehmen!
Evidenz: Häufig bei Polyneuropathien (Treede et al., 2008).

Dosis-Wirkungs-Kurve

Definition: Zusammenhang zwischen Medikamentendosis und Effekt.
Pflegepraxis: Zeigt, ab wann Medikamente wirken – aber auch, wo Nebenwirkungen steigen.
Evidenz: Pharmakologische Grundlagen (Goodman & Gilman, 2011).

E

Endorphine

Definition: Körpereigene „Glückshormone“, die schmerzhemmend wirken.
Pflegepraxis: Bewegung und Lachen fördern Ausschüttung.
Evidenz: Körpereigene Opioidmechanismen (Bodnar, 2016).

EMLA®-Creme

Definition: Lokalanästhetikum zur Hautbetäubung.
Pflegepraxis: Vor dem Legen von Zugängen oder bei Kindern hilfreich.
Evidenz: Effektiv zur Reduktion von Einstichschmerzen (Lander et al., 1990).

F

Faszien

Definition: Bindegewebsstrukturen, die Muskeln umhüllen – können schmerzhaft verspannen.
Pflegepraxis: Bei unspezifischen Rückenschmerzen: Patient:innen über Dehnung und Bewegung informieren – kann Faszien mobilisieren.
Evidenz: Faszien spielen Rolle bei muskuloskelettalem Schmerz (Schleip et al., 2012).

Fibromyalgie

Definition: Chronisches Schmerzsyndrom mit weit verbreiteten Schmerzen und vegetativen Symptomen.
Pflegepraxis: Vermeide Stigmatisierung, unterstütze durch Edukation, Entspannungsangebote, Struktur.
Evidenz: Diagnostische Kriterien von ACR 2010 (Wolfe et al., 2010).

G

Gate-Control-Theorie

Definition: Schmerzleitung wird im Rückenmark durch „Tore“ reguliert – andere Reize können Schmerz hemmen.
Pflegepraxis: Wärmeanwendung, Berührung oder TENS nutzen diesen Mechanismus.
Evidenz: Melzack & Wall, 1965 – Klassiker der Schmerzphysiologie.

Gabapentin

Definition: Antikonvulsivum mit schmerzmodulierender Wirkung – v. a. bei neuropathischen Schmerzen.
Pflegepraxis: Beobachte Schwindel, Sedierung – oft langsames Aufdosieren notwendig.
Evidenz: Evidenzbasiert bei Post-Zoster-Neuralgie (Moore et al., 2014).

H

Hyperalgesie

Definition: Übersteigerte Schmerzreaktion auf normale Schmerzreize.
Pflegepraxis: Besonders bei langem Opioidgebrauch beobachten – evtl. Therapieanpassung nötig.
Evidenz: Opioid-induzierte Hyperalgesie ist klinisch relevant (Lee et al., 2011).

Head-Zonen

Definition: Hautareale, die reflektorisch mit inneren Organen verknüpft sind.
Pflegepraxis: Bei viszeralen Schmerzen können Hautveränderungen in entsprechenden Zonen Hinweise geben.
Evidenz: Grundlage vieler manualtherapeutischer Konzepte (Hansen & Schliack, 1962).

I

Inzidenzschmerz

Definition: Schmerz, der bei bestimmten Bewegungen oder Tätigkeiten auftritt.
Pflegepraxis: Mobilisation vorbereiten, präventiv medikamentös begleiten.
Evidenz: Wichtiger Schmerztyp in der postoperativen Pflege (Meissner et al., 2017).

ICF-Modell

Definition: Internationales Klassifikationssystem zur Beschreibung von Gesundheit und Funktionsfähigkeit.
Pflegepraxis: Fördert ganzheitliches Denken im Schmerzmanagement – körperlich, psychisch, sozial.
Evidenz: WHO-Modell, anerkannt in Reha und Pflege (WHO, 2001).

J

Juckreiz (Pruritus)

Definition: Häufige Nebenwirkung opioidhaltiger Schmerzmittel.
Pflegepraxis: Häufig bei spinaler Opioidgabe – ggf. Antihistaminika und Hautpflege anbieten.
Evidenz: Bekanntes Phänomen in der Palliativpflege (Kumar & Singh, 2012).

Journaling (Schmerztagebuch)

Definition: Dokumentation von Schmerzverläufen durch Patient:innen selbst.
Pflegepraxis: Kann helfen, Muster zu erkennen und Therapie besser anzupassen.
Evidenz: Bestandteil der kognitiven Verhaltenstherapie bei chronischem Schmerz (Turk et al., 2008).

K

Komplementärverfahren

Definition: Maßnahmen wie Akupressur, Aromapflege oder Musiktherapie.
Pflegepraxis: Mit Patient:innen abstimmen, individuell einsetzen nach vorausgegangener Zusatzqualifikation – besonders in der Langzeitpflege sinnvoll.
Evidenz: Zunehmend durch Studien belegt (Lee, 2016).

Ketamin

Definition: NMDA-Antagonist mit schmerzmodulierender Wirkung – auch bei therapieresistentem Schmerz.
Pflegepraxis: Wird oft in Palliativ- oder Intensivpflege verwendet – sedierende Wirkung beachten.
Evidenz: Evidenz bei chronischem Schmerz, neuropathischen Schmerzformen (Visser, 2015).

L

Lidocain-Pflaster

Definition: Lokalanästhetisch wirksame Pflaster bei lokal begrenzten neuropathischen Schmerzen.
Pflegepraxis: Auf trockene, intakte Haut kleben, max. 12 h/Tag.
Evidenz: Wirksam z. B. bei Post-Zoster-Neuralgie (Baron et al., 2009).

Lebensqualität

Definition: Subjektives Wohlbefinden, häufig durch Schmerz negativ beeinflusst.
Pflegepraxis: Schmerz lindern heißt nicht nur „NRS senken“, sondern auch Teilhabe ermöglichen.
Evidenz: Zentraler Outcomeparameter in der Schmerzforschung (Dworkin et al., 2005).

M

Multimodale Schmerztherapie

Definition: Kombination aus medikamentösen, physikalischen, psychologischen und pflegerischen Maßnahmen und einem interdisziplinären Behandlungsteam.
Pflegepraxis: Pflege ist aktiver Teil des interdisziplinären Konzepts – z. B. durch Edukation, Bewegung, Beobachtung.
Evidenz: Goldstandard bei chronischem Schmerz (Kaiser et al., 2013).

Morphinäquivalenz

Definition: Umrechnung verschiedener Opioide auf eine vergleichbare Morphin-Dosis. Bei Rotation mit 50% der Äquivalenzdosis beginnen.
Pflegepraxis: Wichtig bei Opioidrotation oder Bedarfsmedikation – Dokumentation beachten!
Evidenz: Grundlage der WHO-Schmerztherapie (WHO, 2020).

N

Nozizeptor

Definition: Schmerzrezeptor im Gewebe – reagiert auf Hitze, Druck, Entzündung.
Pflegepraxis: Basiswissen zur Einschätzung von Schmerzursachen.
Evidenz: Grundlage der Schmerzphysiologie (Treede, 2019).

Nervenblockade

Definition: Gezielte Unterbrechung der Schmerzleitung durch Lokalanästhetika.
Pflegepraxis: Wird z. B. perioperativ oder bei chronischem Schmerz eingesetzt – auf Sensibilität und Motorik achten.
Evidenz: Effektiv bei bestimmten Schmerzsyndromen (Ilfeld et al., 2016).

O

Opioidrotation

Definition: Wechsel des Opioids zur besseren Wirkung oder wegen Nebenwirkungen.
Pflegepraxis: Beobachtung und Dokumentation zentral – Kommunikation mit ärztlichem Team. Beginn mit 50% der Aquivalenzdosis.
Evidenz: Empfohlene Maßnahme bei Therapieversagen (WHO, 2020).

Oxycodon/Naloxon-Kombipräparate

Definition: Kombination von starkem Opioid mit Wirkstoff gegen Obstipation.
Pflegepraxis: Besonders bei chronischer Anwendung hilfreich – auf Wirkung und Stuhlgang achten.
Evidenz: Gute Studienlage zur Obstipationsprophylaxe (Ahmedzai et al., 2012).

P

PCA (Patient Controlled Analgesia)

Definition: Schmerzpumpe, die Patient:innen selbst dosieren können.
Pflegepraxis: Schulung, Kontrolle und Beobachtung sind hier Pflicht.
Evidenz: Effektiv bei postoperativen Schmerzen (Rawal, 2001).

Placeboeffekt

Definition: Positive Wirkung ohne pharmakologisch wirksamen Stoff. Intervention als auch Applikation möglich. Kann gezielt eingesetzt werden.
Pflegepraxis: Erwartung, Empathie und Zuwendung sind mächtige Werkzeuge.
Evidenz: Nachgewiesen auch bei „offenem Placebo“ (Kaptchuk et al., 2010).

Q

Qualität der Schmerzerfassung

Definition: Maß für die Güte der Schmerzbeurteilung.
Pflegepraxis: Ohne saubere Erfassung keine wirksame Behandlung.
Evidenz: Bestandteil des DNQP-Expertenstandards (2020).

QST (Quantitative sensorische Testung)

Definition: Messung von Schmerzempfindlichkeit durch definierte Reize.
Pflegepraxis: Nicht pflegerisch durchführbar, aber hilfreich zum Verständnis komplexer Schmerzsyndrome.
Evidenz: Diagnostisches Verfahren bei neuropathischen Schmerzen (Rolke et al., 2006).

R

Referred Pain (übertragener Schmerz)

Definition: Schmerz wird an einer anderen Körperstelle wahrgenommen als die Ursache.
Pflegepraxis: Beispiel: Herzinfarkt mit Schmerzen im linken Arm – nicht übersehen!
Evidenz: Neurologisch erklärbar durch Konvergenztheorie (Woolf, 2011).

Retardpräparate

Definition: Medikamente mit verzögerter Wirkstofffreisetzung.
Pflegepraxis: Gleichbleibende Wirkung über längere Zeit – wichtig: nicht teilen oder zerdrücken!
Evidenz: Standard bei Dauertherapie (WHO, 2020).

S

Schmerzgedächtnis

Definition: Chronifizierter Schmerz durch neuronale Veränderungen.
Pflegepraxis: Frühzeitige Behandlung akuter Schmerzen kann Chronifizierung vorbeugen.
Evidenz: Plastizität des Nervensystems (Flor, 2002).

Schlafstörung durch Schmerz

Definition: Schmerz verhindert erholsamen Schlaf – und umgekehrt.
Pflegepraxis: Schlaf fördern = Schmerz lindern. Schlafhygiene beachten!
Evidenz: Wechselwirkung in Studien belegt (Finan et al., 2013).

T

Triggerpunkt

Definition: Schmerzempfindliche Muskelregion, oft mit ausstrahlendem Schmerz.
Pflegepraxis: Druckempfindlichkeit beachten – Massage, Wärme, Dehnung helfen oft.
Evidenz: Rolle bei myofaszialem Schmerzsyndrom (Gerwin et al., 2004).

TENS (Transkutane elektrische Nervenstimulation)

Definition: Stromtherapie zur Schmerzreduktion über Hautelektroden.
Pflegepraxis: Einfache Anwendung, besonders bei muskuloskelettalem Schmerz.
Evidenz: Positive Effekte bei bestimmten Indikationen (Johnson et al., 2015).

U

Unterdosierung

Definition: Schmerzmedikation ist zu schwach, um wirksam zu sein.
Pflegepraxis: Besonders bei älteren oder kognitiv eingeschränkten Pat. kritisch – regelmäßig evaluieren.
Evidenz: Häufiges Problem in der Geriatrie (American Geriatrics Society, 2009).

V

Visualisierungstechniken

Definition: Mentale Bilder, die Schmerz und Stress reduzieren helfen.
Pflegepraxis: Besonders in der Psychosomatik oder Onkologie wirksam – Anleitung wichtig.
Evidenz: Wirksamkeit durch Studien belegt (Pincus et al., 2010).

W

Wärmeanwendung

Definition: Lokale Wärmetherapie zur Muskelentspannung und Schmerzlinderung.
Pflegepraxis: Vorsicht bei Sensibilitätsstörungen – nicht bei akuten Entzündungen.
Evidenz: Teil der physikalischen Schmerztherapie (NHS, 2017).

X

Xerostomie (Mundtrockenheit)

Definition: Trockene Mundschleimhaut – häufig durch Opioide verursacht.
Pflegepraxis: Trinken fördern, Speichelersatz ggf. verordnen, gute Mundpflege!
Evidenz: Typische Nebenwirkung (Scully, 2003).

Y

Yoga in der Schmerztherapie

Definition: Ganzheitliche Bewegungstherapie zur Entspannung und Körperwahrnehmung. Einsatz je nach zugrundeliegender Genese.
Pflegepraxis: Kann bei chronischen Schmerzen Stress reduzieren und Lebensqualität steigern.
Evidenz: Positive Effekte bei Rückenschmerz (Sherman et al., 2011).

Z

Zosterneuralgie

Definition: Nervenschmerz nach einer Gürtelrose – oft langanhaltend und brennend.
Pflegepraxis: Frühzeitig antivirale Therapie, gute Hautpflege, Schmerz lindernde Maßnahmen.
Evidenz: Häufige Form neuropathischer Schmerzen (Johnson & Rice, 2014).

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